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Die Macht der Stille

"Seligkeit finden wir im tief innersten Kern jedes Menschen, wie die Stille in den Tiefen der Ozeane." Randolph Stone

Die Macht der Stille - Gertrud Keller Polarity Grenchen

Meine Arbeit mit Polarity ist eine Mischung aus Techniken und Nachspüren, Gespräch und Stille. Denn auch in der Stille liegt ein enormes Potenzial zur Heilung.

 

Mit 44 Jahren hatte ich ein persönliches Erlebnis mit der Macht der Stille, einige Zeit bevor ich selber krank wurde. Ich hatte genug von Menschen, die mich damals auszunützen schienen und es war gleichzeitig eine Zeit, während der sich viele andere wie von "Geisterhand" von mir verabschiedeten. Ich beschloss, mir selbst mehr Zeit zu widmen und gab mir ein Jahr Zeit dafür, während der ich mich ganz bewusst von allen Menschen zurückzog. Gleichzeitig arbeitete ich aber wie gewohnt weiter und bewältigte meinen Alltag. 

 

Dieses Alleinsein mit mir selbst war mir zuerst nicht ganz geheuer, ich kannte das zwar schon aus früheren Zeiten. Und da ich mich mal dazu entschieden hatte, blieb ich dabei und wartete auf das, was da komme. Nach einer Weile geschah etwas Unerwartetes: Zum einen schien die Zeit stehen zu bleiben, wenn ich mit mir alleine war. Zum anderen wurde es sanft und zauberhaft still und zwar jeweils innerlich wie äusserlich gleichzeitig. Diese Stille wurde begleitet von Frieden und einem so grossartigen Gefühl, dass ich wünschte, diese Zeiten würden nie vergehen. Und noch etwas wurde mir jedesmal ganz klar, wenn ich in dieser Ruhe und Stille war: Ich war niemals alleine. Und ich würde niemals alleine sein! 

 

Zuerst konnte ich diese Erlebnisse und Gefühle nicht recht einordnen noch verstehen. Ende des Jahres fühlte ich mich auf jeden Fall wieder bereit, unter Menschen zu gehen und tat das dann auch. Und ab diesem Zeitpunkt lernte ich ganz neue Menschen kennen. Als ich dann im 2008 krank wurde, halfen mir diese Erfahrungen enorm bzw. ich kannte diesen ruhigen und stillen Ort in mir schon und konnte davon profitieren, um wieder gesund zu werden.

 

Ganz natürlich und ohne zu wissen fand ich diesen Ort in mir, den Paracelsus, der grosse Alchemist, vor vielen Jahrhunderten folgendermassen beschrieb: «In den ruhigen Tiefen des Raumes lässt sich grossartige Heilung finden, aber der Mensch stimmt sich nie darauf ein, indem er selber einmal still ist.»

 

Oder in Kurzform: «Der Mensch ist krank, weil er nie still ist.» 

 

Dr. Randolph Stone, der Begründer der Polarity-Therapie, zitierte diese Worte von Paracelsus oft und wusste: «Das Geheimnis, das es hier zu lernen gilt, ist das ‹Stillhalten› des Bewusstseins, des Kerns des Seins, in seiner ewigen Essenz. Dann richtet sich alles von selber aus.» 

 

Die Bibel beschreibt das in einfachen Worten: «Sei still und wisse, ich bin Gott.» (Psalm 46,10) 

 

Welche Worte wir auch immer dafür verwenden, diese Erfahrungen und Beschreibungen zeugen davon, dass in der Stille ein enormes Potenzial liegt. In der KomplementärTherapie nennen wir es moderner Selbstregulation. Ein "Sich-von-selber-Ausrichten". Das Ziel meiner Arbeit in der Praxis heute ist letztlich, diese Selbstregulation zu stärken, damit sich der Körper selber wieder in Ordnung bringen kann. Denn genau genommen weiss nur diese Intelligenz in uns, welche Schritte zum Heilwerden zum jetzigen Zeitpunkt nötig sind. So sprechen wir auch vom "inneren Arzt".

 

Die Stille spielt also für die Gesundheit und Genesung eine zentrale Rolle.

Die Magie des Nichts-Tuns

Dieser alchemistischen Weisheit folgend, gibt es in jeder Polarity-Sitzung immer wieder Momente der Stille.

 

Die Polarity-Körperarbeit ist nicht eine Abfolge von sorgfältig einstudierten Griffen und Techniken, die einigermassen mechanisch abläuft. Dies allein kann bereits wunderbare Resultate wie tiefe Entspannung hervorbringen. Doch ich halte immer mal inne, spüre nach, warte ab und horche mit allen Sinnen. Gerade dieses Nichts-Tun im richtigen Moment entfaltet eine magische Wirkung und – ein wohltuender, sanfter Vorhang beginnt, sich niederzusenken.

 

Als Antwort darauf erfolgt manchmal ein besonders tiefer Atemzug bei der Klientin, eine hartnäckige Verspannung löst sich doch noch oder ein Klient beginnt eine Geschichte zu erzählen, für die er Jahre lang keine Worte fand. Auf diese Weise offenbart sich die geheimnisvolle Macht der Stille immer wieder, manchmal ganz unerwartet. Eine Stille übrigens, die nicht Abwesenheit von etwas wie Lärm, Geräusche oder Töne bedeutet, sondern eine ureigene, reale, wirksame Kraft, die uns zu berühren und verändern vermag.

Silber und Gold

In meiner Polarity-Arbeit wende ich mich, «nomen est omen», auch immer dem Gegenpol zu: Das könnte für die Stille zum Beispiel das Gespräch sein. Die richtigen Worte im richtigen Moment vermögen ganz klar mehr auszurichten als Stille im Sinne von Schweigen. Gleichwohl wissen wir, dass gerade beim Gespräch das gute Zuhören und damit eine Art aktives Stillsein eine entscheidende Rolle spielt. Und ich erlebe immer mal wieder Gespräche, die in eine beredte Pause und ein stilles Gleichschwingen münden, sodass Worte überflüssig werden. Umgekehrt schafft ein Übermass an Worten eher Distanz und dient manchmal auf diese Weise als Schutzpanzer.

 

In diesem Sinne ist Reden doch eher Silber und Schweigen Gold, wie der Volksmund weiss. 

 

Stille und Ruhe werden in der Polarity-Therapie dem Element Äther zugeordnet, das auch Raum, Weite und Platz beinhaltet. Diesem Element kommt in der heutigen Zeit von Schnelligkeit, Leistung und Stress eine besonders wichtige Bedeutung zu. Eines der besten Mittel zur Stärkung des Äthers ist die Meditation bzw. das Nachdenken: Du nimmst dir Zeit, in die Stille zu gehen, nichts zu tun und einfach zu sein (idealerweise freiwillig und nicht erst, wenn du bei Krankheit quasi dazu gezwungen wirst), zum Beispiel deinem Atem zuzuhören. Dadurch kommst du deinem neutralen Kern immer näher, wo du den Überblick und die Fülle der Wahlmöglichkeiten hast.

 

Stille hilft also nicht nur aufzutanken, sondern sie schafft eine innere Ausrichtung und ist damit Quelle von Inspiration und Weisheit.


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